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»Wir müssen jetzt auf jeden Fall erst mal raus…!« – Ein Ekklesiolab

  • Veröffentlicht am: 15 August 2017
  • AutorIn: Maria Herrmann

Vor wenigen Wochen waren große Teile Niedersachsens durch anhaltenden Regen, ansteigenden Grundwasserpegel und aus dem Flussbett tretende Gewässer betroffen. Auch in Hildesheim hinterließen die Fluten beträchtlichen Schaden, und sorgten dafür, dass Bereiche der Stadt evakuiert werden mussten. Normalerweise ist man bei länger anberaumten Veranstaltungen in einem Tagungshaus isoliert. Die gewohnten Nachrichten-Routinen mit Tageszeitung beim Frühstück, Online-News-Portalen beim eMails-Abrufen und die Nachrichtensendung im Fernsehen am Abend entfallen. Doch das war Ende Juli anders: Wir waren mit unserem Ekklesiolab im Tagungshaus Priesterseminar in Hildesheim zu Gast. Zu Beginn unserer gemeinsamen Zeit veranlasste uns das regnerische Wetter noch dazu, bei den Mitarbeiterinnen des Tagungshauses etwas mehr Sonne und das Ende des Regen einzufordern. Das sei ja schließlich in ihrer Verantwortung. Doch die Scherze gingen uns spätestens dann aus, als Sirenen vor den Türen der Einrichtung auf die Situation in der Stadt aufmerksam machten. Mehr und mehr war ganz Hildesheim vom Hochwasser bedroht, das war ab dem zweiten Tag im Minutentakt bis in die nächtlichen Stunden zu hören. Das Ekklesiolab war damit nicht nur inhaltlich und methodisch ein Experiment, sondern durchbrach somit auch die sonst so massive Tagungsisolation. 

Während wir im letzten Jahr mit unseren beiden Blockveranstaltungen zum FreshX Kurs und einer MultiplikatorInnenschulung zu neuen Lernorten im Bereich Fresh Expressions of Church noch thematisch Schwerpunkte im Bereich Gemeindegründung und missionale Kirchenentwicklung gesetzt hatten, waren wir in diesem Jahr vor allem daran interessiert, mit dem Ekklesiolab ein neues Format auszuprobieren, und damit die zu bearbeitende Inhalte der Veranstaltung bewusst bei der Vorbereitung nicht zu bestimmen. Entstanden ist diese Idee vor allem deshalb, weil immer wieder in Begegnungen und Gesprächen zu hören ist, dass man doch mal »mehr Zeit« bräuchte um dieses Thema oder jene Frage zu vertiefen, sie in den Diskurs zu stellen und damit zu reflektieren. Es mangele nur an den entsprechenden Gelegenheiten, Zeiten und Orten dafür. Dazu passiert es häufig, dass nach Workshops, Konferenzen und Vorträgen die unbändige Ahnung zurückbleibt, dass die Menschen mit denen man es eben noch zu tun hatte, selbst so viele eigene Erfahrungen haben die nur selten angemessen zur Geltung kommen können. 

Inspiriert war das Format Ekklesiolab auch von den Erfahrungen unserer W@nder-Konferenz im vergangenen Februar: Wie weit muss das Design einer Zusammenkunft und die Moderation selbiger, also die Inszenierung, das Kommunikationsdesign wenn man so will, auch die inhaltlichen Perspektiven wiedergeben? Muss nicht das Reden über z.B. Partizipation eben auch jene selbst maximal ermöglichen? Ganz zu Beginn unserer Arbeit (damals noch als Kirchehoch2 Projektstatus innehatte und viel Fahrtwind vom Kongress 2013 mitgenommen hatte), hatten wir es einmal mit Barcamps versucht, die ja in einer ähnlichen Linie stehen: Inhalte bestimmen diejenigen die als Teilnehmende gleichzeitig zu Teilgebenende werden. (Warum dies (noch) nicht funktioniert hat kann man hier nachlesen.) In diesem Jahr wollten wir diesen Grundansatz noch einmal bewusst ausprobieren und so entstand die Idee zum Ekklesiolab

Methodisch haben wir uns an etwas orientiert, das – es mag ungewöhnlich erscheinen – aus der Software-Entwicklung kommt und den Namen *Scrum* trägt. Scrum ist ein Begriff beim Rugby, der das Gedränge der Spielerinnen und Spieler in ihrer Taktikbesprechung vor dem nächsten Spielzug beschreibt. Sie kommen zusammen, verteilen die Aufgaben, gehen wieder auseinander und jede oder jeder arbeitet auf seiner Position und eigenständig auf der Basis der ausgeklügelten Strategie. Dementsprechend geht es beim Scrum als »Moderationstechnik« und Arbeitsweise darum, komplexe Aufgabenstellungen in kleinteilige Aufgaben zu unterteilen, diese auf kleine Haftnotizen zu konkretisieren und in unterschiedliche Kategorien (in Planung | in Arbeit | erledigt) auf einer Wand transparent zu machen, und alle Bewegungen (von in Planung zu in Arbeit) transparent zu machen. Bei höher werdenden Anforderungen für Teams zum Beispiel bei der Programmierung von Webseiten oder anderen digitalen Produkten wird diese Herangehensweise gerne verwendet. Etwas mehr dazu kann man zum Beispiel bei futur2 nachlesen, und auch bei dem Projekt »Initiative Gemeinwesendiakonie« im Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers werden interessante Erfahrungen damit gemacht. 

Letztlich ist es vielleicht gar nicht so wichtig, wie das nun konkret und im Detail vor sich ging: Wir hatten vor allem das Anliegen, Methode und Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass die Fragen und Ideen der Teilnehmenden in diesen Tagen zum Tragen kommen und es wird sich von Kontext zu Kontext auch in Zukunft anders darstellen, die Komplexität der unterschiedlichen Erfahrungen ansichtig und anwendbar zu gestalten. Auf diese konkrete Weise jedoch konnten wir, nach einem ausreichenden und vielfältigen Kennenlernen der Gruppe, Fragen und Visionen sammeln aus den Bereichen des Theologie-Studiums, der Jugendkirchen, unterschiedlicher Haupt- und Ehrenamtlicher Arbeit in Kirchgemeinden, oder in der Multiplikatoren-Arbeit verschiedener Kontexte in der Kirche. Die einzige Vorgabe, die wir bei dieser – auch ökumenischen – Vielfalt machten, hatte den Sinn, eine Art »Anpack« zu finden für die Unterschiedlichkeit der Themen: Dieser bestand darin, dass sich die Teilnehmenden zu Beginn für ein Medium entscheiden mussten, in das die gemeinsame Arbeit münden sollte: 1. In eine Veröffentlichung (schriftlich oder in einer anderen Form), 2. in einer Art Methode, Spiel oder Intervention oder 3. in eine Form von gottesdienstlichem, liturgischen oder spirituellen Format (Text o.ä.). Dementsprechend ergab sich die Farbe der Klebezettel auf dem Board, das beim »Scrum« die Haftnotizen sammelt und kategorisiert, so dass für eine ausreichende Übersichtlichkeit gesorgt wurde. Diese Einteilung sollte schließlich eine Fokussierung ermöglichen und dafür sorgen, am Ende der Woche mit einem Ergebnis, einem Produkt, einem (Zwischen-)Fazit abreisen und weitergehen zu können. Eingebettet war das Ekklesiolab (neben den obligatorischen Essens- und Ruhezeiten) in Gebetszeiten, die durch eine einfache Form des Stundengebets (»Lichtteilchen-Liturgie«) geprägt waren und damit das geistliche Fundament der Arbeitswoche darstellte. So fand sich das Ekklesiolab zwischen den großen Arbeitseinheiten in kleineren Gruppen am Vor- und Nachmittag immer wieder als große Gruppe gemeinsame Zeiten zum Essen, zum Austausch und zum Gebet in der beeindruckenden Seminarkirche. 

Wir gehen nach dem Ekklesiolab bestärkt in der Idee weiter, dass ein Schüssel für Kirchenentwicklung darin liegt, die Erfahrungen ernst zu nehmen, die bereits gemacht werden. Das mag zunächst platt klingen, dennoch glaube ich, dass die Beteiligungs-, Austausch- und Vernetzungsmöglichkeiten, aber auch die entsprechenden Reflexionsschleifen dazu noch nicht ausgereift und ausgebaut sind. Daran wollen wir in Zukunft weiterarbeiten. Wo kommen die Fragen zu Geltung, die sich bereits schon die eine oder der andere stellt? Wo werden schon Antworten gelebt, von denen an vielen Stellen noch keine Ahnung besteht? Daran schließt sich an: Wie können wir eine Kultur einüben, die es möglich macht, dass solche Formate in der Kirche auch an Orten stattfinden können, die von weniger Freiwilligkeit geprägt sind. Alle Teilnehmenden beim Ekklesiolab wussten, dass die eigenen Themen und Fragen dort Platz haben werden. Dass sie TeilgeberInnen und Teilgeber an den Prozessen sein würden. Dass die Methode daraufhin ausgelegt ist, diese Dinge zusammen zu tragen. Wie funktionieren vergleichbare Methoden ohne diese Energie? 

Ein anderes Fazit allerdings, war mir bislang nicht ganz so präsent, und dabei rückt wieder das überschwemmte Hildesheim in den Blick und eine Aussage, die ich während einer der Gruppenarbeiten wörtlich so aufgeschnappt habe: »Wir müssen jetzt auf jeden Fall erst mal raus…!« Was für eine Statement: Wenn man den Raum eröffnet und die Zeit gibt frei Theologie zu treiben, kann (!) das auch (!) bedeuten, erst mal auf die Straße zu gehen. Weg vom Schreibtisch, raus aus der Bibliothek. Auch wenn und vor allem, weil dort gerade (ein bisschen) das Chaos herrscht und zumindest gefühlt die Welt untergeht. Die Sirenen waren deutlich zu hören. Dass der für die Woche begleitende Bibeltext mit Gen 1-2,3, für den wir uns in der Vorbereitung entschieden haben, genau davon erzählt, dass aus dem Wasser und dem Chaos etwas Neues entsteht, mag diesen Befund unterstreichen. 

Ein paar Tweets und Bilder haben wir im Storify zusammengefasst. 
Hier kann man einen Teil der Erträge nachlesen.

Orientierung: 

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