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Vom Grübeln – Was mich das Refugio in Berlin über Kirche lehrt

  • Veröffentlicht am: 7 March 2017
  • AutorIn: Raphael Below

Dank der außerordentlich guten Vernetzung von Kirche² und der Offenheit meines hochgeschätzten Fachbereichs im Haus kirchlicher Dienste konnte ich in den letzten 10 Tagen in der Berliner Stadtmission hospitieren. Volle Tage mit wertvollen Einblicken liegen hinter mir. Ich habe bei Initiativen für Obdachlosen mitgearbeitet, Projekte für und mit Geflüchteten kennen gelernt, eine Gemeindepflanzung der Jungen Kirche Berlin besucht, Gespräche mit ehren- und hauptamtlich Mitarbeitenden der Stadtmission geführt und schließlich deren 140-jähriges Jubiläum mit gefeiert. Entsprechend voll ist mein Kopf gerade und vieles geht mir noch nach. Aber die Erfahrungen in einem Bereich will ich heute schon teilen: Die rund um das Sharehouse Refugio Berlin.

Refugio ist eine Art Lebensgemeinschaft auf sechs Stockwerken. Ein Ort, an dem Menschen ihr Leben mit anderen teilen. Das ist es, was das Haus in Neukölln und seine BewohnerInnen zusammen hält. Eigentlich nicht viel. Aber es genügt, um Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, zu einem vielfältigen Ganzen zusammen zu schweißen.

Das Haus ist gefüllt mit einer Mischung, die seines Stadtteils würdig ist. Deutsche Familien teilen sich den Wohnraum mit Geflüchteten aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen. Sie wohnen Tür an Tür, kochen in den selben Küchen und gehen auf die selben Toiletten. Im dritten Stockwerk trifft man auf Ateliers von KünstlerInnen ganz verschiedener Sparten. Die Krone des Hauses bildet eine wundervolle Dachterrasse mit beeindruckendem Ausblick – derzeit leider nur mit persönlicher Einladung zugänglich. Das Erdgeschoss schmückt ein schöner, weitläufiger Saal, der vermietet oder für hauseigene Veranstaltungen genutzt wird. Die vielleicht wichtigste Begegnungsfläche des Gebäudes bildet sein Eingangsbereich, ein geschmackvoll eingerichtetes Barista-Café. Wer auch immer das Gebäude betreten oder verlassen will, muss hier durch. Mindestens ich als Kaffee- Liebhaber muss an dieser Stelle mit mir ringen. Denn hier werden die erlesensten Sorten der renommierten Rösterei Bonanza zu sehr moderaten Preisen angeboten, und entsprechend mächtig ist die Versuchung, eine kurze Pause einzuschieben und mich mit einem guten Kaffee an einen der Tische zu setzen. Andy und Georg (beides Theologen, Craftbeertrinker und hoffnungslose Kaffee-Nerds) hinter der Theke lassen keine Wünsche offen, auch die von Teetrinkern nicht. Ich setze mich an einen der kleinen Tische. Hier finde ich alles, was ich von einem zeitgemäßen Café erwarte: Ein paar Blumen, einen kostenlosen Wlan-Zugang und jede Menge Steckdosen für mein Notebook. Einige BesucherInnen nutzen das Café als workspace, setzen sich dicke Kopfhörer auf und machen, wozu sie ihre Arbeitswut gerade treibt. Aber die meisten der Anwesenden genießen wie ich ihr Getränk und wechseln ein paar Worte mit den Sitznachbarn, bekannten und unbekannten. Daraus wird dann schnell was längeres. Und so dringen viele Stimmen an mein Ohr, leise und laute, auf englisch, deutsch oder arabisch. Ich mag es, hier zu sitzen, mir selbst eine Unterbrechung meines Tagesablaufs zu verordnen und die Refugio-Atmosphäre zu atmen. Und für Unvorhersehbares offen zu sein.

Neben den ungeplante Begegnungen im Café finden andere regelmäßig statt. Zum Beispiel das Sprach-Café Mittwochs abends. Die Veranstaltung besteht eigentlich in nichts anderem als Deutsch zu reden. Kein hochwertiges Lernmaterial, keine ausgefeilten Methoden. Bei Kaffee, Tee und Keksen setzt man sich zusammen und spricht Deutsch mit denen, die auch noch mit am Tisch sitzen. In meinem Fall sind das fünf Männer und zwei Frauen. Nur zwei von uns haben Deutsch als Muttersprache, und zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich deswegen begehrt. Viele hier sind Geflüchtete oder aus anderen Gründen Zugezogene. Deutsch lernen sie in Sprachkursen, aber sie haben fast keine Gelegenheit, es auch zu sprechen. In Berlin kommt man mit ohne Deutschkenntnisse ziemlich weit, erzählen meine TischgenossInnen; zumindest, wenn man sich in den Stadtteilen und Kontexten aufhält, in denen sie leben. In ihren Unterkünften wird vor allem Arabisch oder Englisch gesprochen. Mit Deutschen haben viele kaum Kontakt, darum kommen sie auch in großer Zahl zum Sprach-Café und hoffen darauf, hier MuttersprachlerInnen treffen und ein wenig Sprachpraxis bekommen zu können. Wahnsinn, wie einfach sinnvolle und wichtige Integrationsarbeit sein kann. Wir verständigen uns, mal problemlos, mal auch mithilfe von primitiven Zeichnungen. Meine Mal-Künste... Ich höre traurige Geschichten von Flucht und Berichte voller Dankbarkeit, in Deutschland leben zu dürfen. Ein junger Mann bekommt feuchte Augen, als er von Damaskus erzählt, das er so liebt und es doch verlassen musste. Ich bekomme eine Ahnung davon, wie hart es sein muss, in unserem Land bei Null zu starten. Und realisiere im Angesicht so vieler lächelnder Gesichter, wie missmutig und unfreundlich wir Deutschen für andere doch erscheinen müssen. Ich ganz sicher eingeschlossen.

Ein anderer Ort für Begegnung ist das Haus-Dinner. Jeden Freitag Abend gibt es ein gemeinsames Essen, zu dem alle Hausbewohner (und immer auch ein paar Externe wie ich) eingeladen sind. Wechselnde Teams finden sich zum Kochen in der Küche zusammen und zaubern aus den Essensspenden eines benachbarten Supermarkts ein Buffet. Bei meinem Besuch gibt es verschiedene Salate, Reis, Gemüse aus dem Ofen, Pellkartoffeln, Matjes, und Obstsalat. Außerdem sind die Eltern einer polnischen Hausbewohnerin zu Besuch gekommen und haben ein selbst gebackenes Brot mitgebracht. Jemand stiftet ein paar Flaschen Wein. Dann kommen wir zusammen, verteilen uns auf Kissen und Teppiche, essen, trinken und reden mit einander. Was diesen Abend so besonders macht, kann ich schwer sagen. Er ist weder besonders gut organisiert, noch spektakulär, noch in irgendeiner Weise innovativ. Zusammen essen und sich dabei unterhalten. Das tun Menschen schon seit Jahrtausenden. Und trotzdem gehe ich nach ein paar Stunden berührt nach Hause. Voll des guten Essens und voll von den Begegnungen dieses Abends. Das war so intensiv. Wie kam das zu Stande? Zu Beginn des Abends kannte ich kaum jemanden, aber das machte einfach mal überhaupt nichts. Diese Leute waren so offen. Und unsere Begegnungen so unverzweckt. Obwohl sie wussten, dass sie mich wahrscheinlich nie wieder sehen würden, haben wir an dem Abend geteilt. Das Essen, den Wein, unser Leben. Mir gehen Gespräche mit meiner römisch-katholischen Kollegin Maria durch den Kopf, die Sakramentalität viel weiter denkt, als ich es bisher getan habe. Was heute Abend passiert ist, hat in meinem Mund sehr heilig geschmeckt. Mehr als manches Abendmahl in mancher Gemeinde.

In knapp vier Wochen starte ich in meiner ersten Pfarrstelle (Gott-sei-Dank im Teampfarramt!). Was heißt das nun alles für Kirche und was für mein Denken über Gemeinde-Arbeit?

Refugio hat mir vor Augen geführt, wie wenig es braucht, damit Gutes und Göttliches zwischen Menschen passiert. Die Arbeit, in die ich rein schnuppern durfte, war unglaublich gut und unglaublich wertvoll. Als was ich sie dabei nicht empfunden habe: professionell. Die ganze Kategorie passt nicht zu dem, was ich erlebt habe. Klar, es gibt auch im Refugio Verantwortliche und auch einige hauptamtlich Mitarbeitende, die wichtige Arbeit machen. Aber das, was es im Kern ausmacht, geschieht nicht durch Hauptamtliche. Es wird höchstens durch sie ermöglicht. Ich grüble. Über Refugio, über Jesus und den vielgescholtenen Weg von seiner Bewegung bis hin zur Kirche. Und über Amt und Professionalität in meiner Kirche. Geht Kirche vielleicht auch unprofessionell? Und kann man Reich Gottes überhaupt professionell denken? Viele PastorInnen und Kirchenvorstände beklagen sich darüber, dass die Arbeit in Gemeinde schwierig geworden ist und ihnen über den Kopf wächst. Viele meiner KollegInnen aus dem Vikariatskurs gingen im ersten Jahr auf dem Zahnfleisch, und das nicht nur während der hohen Feste. Ich kenne kaum PastorInnen, die nicht deutlich zu viel arbeiten würden. Haben wir uns bei Kirchens verrannt? Sind wir viel zu sehr aufs Amt fokussiert? Und auf Organisationsentwicklung, Optimierung und Professionalisierung? Wäre es vielleicht zuträglicher für alle Beteiligten, wenn wir weniger planen, organisieren und veranstalten, aber mehr miteinander leben und teilen würden? Und mehr Orte und Zeiten dafür schaffen, dass Menschen sich begegnen können? Wie kommen wir da hin? Muss ich selbst damit anfangen? Darf ich das überhaupt schreiben, obwohl ich noch kaum Erfahrungen im Pfarrberuf gesammelt habe? Oder kann ich es vielleicht gerade deshalb schreiben?

In zwei Wochen steht der Umzug ins Pfarrhaus an. Es hat zwar nicht sechs Stockwerke, aber immerhin sechs Zimmer im Obergeschoss. Dazu ein großes Wohn- und Esszimmer, und auch eine geräumige Küche. Reichlich Platz auf jeden Fall. Ich grüble. Ein Freund fällt mir ein. Er hat versucht, eine WG mit Geflüchteten in seinem Pfarrhaus zu gründen. Erlaubt hat ihm seine Gemeinde dann zumindest eine WG mit Studierenden. Ob etwas wie Refugio auch auf dem Land funktioniert? Wäre das einen Versuch wert? Ich grüble...

Orientierung: 

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