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Vom Fremd sein in der Kirche: W@nder

  • Veröffentlicht am: 12 August 2016
  • AutorIn: Maria Herrmann

Es gibt Bücher und Ideen, hinter die kann man – hat man sie einmal verinnerlicht – nicht mehr zurück. Der Gedanke der mission-shaped church ist bei Kirche² so ein Moment: Die Perspektive, dass sich Kirche von ihrer Sendung, ihrer Mission her formt und nicht umgekehrt. Viele der Prozesse, die wir begleiten, widmen sich dieser Frage. Bildungsangebote, wie der FreshX Kurs, sind letztlich eine Konsequenz dieser Idee: Wenn sich Kirche von ihrer Sendung her formt, müssen wir wahrnehmen, dass es auch in unserer Gesellschaft mehr und mehr Kontexte gibt, in denen Kirche nicht (mehr) ist. Das führt nicht nur zur Notwendigkeit bestehende Strukturen zu überdenken und in Transformationsprozesse zu überführen. Wir müssen auch über neue Ausdrucksformen kirchlichen Lebens nachdenken und diese beim Entstehen in der für den jeweiligen Kontext passenden Art und Weise unterstützen: Fresh Expressions of Church werden durch eine mission-shaped-church-Ekklesiologie sinnvoll und nachhaltig. Ihre Förderung ist durch die Perspektive der Sendung und Mission der Kirche notwendig und unabdingbar. 

Doch wie entstehen Fresh Expressions of Church, wie lassen sich diese Prozesse unterstützen? Oder konkreter: Wen kann man da bei was unterstützen? 

Und auch hier kommt wieder ein Buch, eine Idee zum tragen, hinter die wir gedanklich nicht mehr zurück können. Vor etwa 2 Jahren brachte meine Kollegin dieses Buch mit: The Pioneer Gift von Jonny Baker und Cathy Ross. Schon mit den ersten beiden Sätzen des Buchs und der Einleitung war meine Perspektive radikal verändert worden: 

»People who are pioneers bring an amazing gift. One of the ways I have come to think of it is as the gift of not fitting in.«
»Menschen, die [Kirchen-]Pioniere sind, haben eine wunderbare Gabe. Eine Möglichkeit, wie ich diese mittlerweile verstehe ist, sie als Geschenk des Nicht-Hineinpassens zu deuten.« 
(Jonny Baker, Introduction, The Pioneer Gift »)

Vielleicht sind Pioniere diejenigen, die der Kirche etwas aktiv hinzufügen. Die nach draußen gehen, um zu… und hier kommt es natürlich auf den Kontext an. Doch woher kommt der Impuls dazu? Hier setzt die Idee von Baker und Ross an: Gemeindegründerinnen, Ekklesiopreneure, wie sie Florian Sobezko nennt, oder loyale Radikale, wie Bob Hopkins sagt, tragen in sich ein Moment, das sie häufig daran hindert in bestehende Strukturen zu passen. Die Kontexte, die sie im Blick haben, unterscheiden sich von vorhandenen Perspektiven, die Dinge, die sie tun und die Herangehensweisen, wie sie Dinge tun, ebenso. Es sind meist diejenigen, die die unbequemen Fragen stellen, die dieses Geschenk und die Gabe haben. Und sie sind es, die damit für Innovation und Regeneration der Kirche sorgen können. 

Im vergangenen Jahr konnten wir mit unserem Besuch bei der Church Mission Society in Oxford und einem dort ansässigen Zentrum für die Begleitung und Ausbildung von missionalen Pionieren erfahren, was es für Menschen bedeuten kann, wenn das, was normalerweise als Defizit oder Problem wahrgenommen wird, als Geschenk und Gabe gedeutet wird. Sie können diese Erfahrung in unserem kleinen Magazin zur Reisedokumentation » nachlesen. 

Neben meinen eigenen biografischen Zugängen zu dieser Idee, erleben wir als Team bei Vorträgen und in der Begleitung von Prozessen seither ein interessantes Phänomen: Ab dem Moment, an dem wir den Perspektiv-Wechsel eintragen, ändert sich die Atmosphäre radikal, gerade bei denen, die diese Gabe in sich tragen und selten in konstruktiver Weise darüber nachdenken konnten. Von dem Moment an, in dem wir in positiver Weise vom Geschenk und der Gabe nicht in System zu passen, erzählen, in dem wir es missionarisch und regenerativ für die Kirche und ihre Sendung deuten, verändert sich etwas fundamental. 

Wir merken, in dieser Frage steckt eine enorme Energie und wir haben begonnen, mehr und mehr darüber ins Gespräch zu kommen. Denn für uns stellt sich mit dieser Idee, mit dem konstruktiven Umgang mit dem »gift of not fitting in« eine entscheidende Frage: Wie gehen wir mit der Fremde derjenigen in der Kirche um, die diese Gabe haben? Wer oder was passt da nicht (mehr)? Wo müssen wir achtsamer werden, wo mutiger und wo nochmal genauer hinsehen in Sachen Sendung der Kirche? Welche Verantwortung tragen wir dabei, als Unterstützer in dem riesigen System Kirche? Ist diese Fremde nicht der Nukleus für die Mission der Kirche, für Neues im Zeichen des Evangeliums? Ist sie nicht eine Ahnung dessen, was die »ganz anderen« auch fühlen? Ist diese Fremde nicht missionarischen Ursprungs? Wir glauben, dass dieses Phänomen unabhängig ist von Begriffen und Trends, wie z.B. den Fresh Expressions oder Church Planting oder Emerging Church. Dass diese aber Gelegenheiten sind, um über so etwas ins Gespräch zu kommen. Und wir glauben auch, dass die Reflexion über das Fremd sein in der Kirche einen wichtigen Beitrag leisten kann im Diskurs über die Zukunft der Kirche. Eine Kirche, die sich eben von ihrer Sendung her formt. Und ein Diskurs sowohl in geistlicher Hinsicht, als auch unter der Perspektive der Organisationsentwicklung. 

Wir verbinden die Frage nach der Fremde in der Kirche und der Idee vom Geschenk und der Gabe, nicht in das bestehende System Kirche zu passen, mit dem Sprachspiel wonder/wander: Mit den Wanderern zwischen den Welten und mit den vielen Wundern, die in den Transformationsprozessen von Mission, Berufung und dem Überwinden der Fremde zu beobachten sind. Dem, was wir mit- und einbringen können, und dem, was sich an uns ereignen muss. So entsteht: w@nder.  

Und so kommt es zu der Idee, das Nachdenken auch in einer Konferenz münden zu lassen, die die Möglichkeit gibt, mit vielen anderen über das »Gift of not fitting in« nachzudenken. Mit Wanderern und Wunderern. Und mit denen, die als Enabler, als Ermöglicher in bestehenden Strukturen Räume schaffen können, und – ich würde auch sagen – müssen.  

An dieser Stelle kann ich heute also davon erzählen, dass wir im kommenden Februar mit »W@nder. Eine Konferenz für Pioniere« beginnen wollen, das bestehende Tabu der Fremde in der Kirche zu brechen. Am 14. und 15. Februar 2017 findet die Konferenz statt, und zwar in den Räumen der Eisfabrik in Hannover. Wir freuen uns sehr, dass auch Jonny Baker dabei sein wird. 

In den nächsten Wochen und Monaten ergänzen wir weitere Beteiligte und das konkrete Konferenzprogramm. Seit heute jedoch finden Sie schon erste Informationen und eine Anmeldemöglichkeit auf der eigenen Unterseite. Bei Fragen und Anregungen stehen wir natürlich in den Kommentaren, in unseren Social Media Kanälen und per eMail zur Verfügung. Ich bin sehr gespannt, was sich im Zusammenhang mit diesem, unserem kleinen Herzensprojekt in den nächsten Wochen und Monaten ereignen wird... 

Kommentare

Seit 1993 verfolge ich Church-planting und ähnliche Bewegungen. Ich beglückwünsche Euch zu Euren Projekten und Gedanken. Pioniergeist! Bin sehr gespannt und offen, was W@nder in uns allen auslöst.

Aus meiner Perspektive sehen Pioniere anders aus. Sie bewegen sich in einer durchaus sinnvollen geordneten Welt, in der allerdings irgendetwas nicht Definiertes fehlt. Also machen sie sich auf den Weg und kommen angenommenerweise in ein Kirchenumfeld. - Sie beginnen sich zu wundern, was hier alles für sie, die Kirchenfernen, unternommen wird. Nur wahrnehmen,sehen, verstehen tut man sie nicht. Diese Kirchenmenschen versuchen mit kirchenfremden Augen zu blicken. Das geht schief.Wenn die Pioniere Mut haben fangen sie zu reden an. Aber zu oft kennen sie die negativen Reaktionen.Und suchen allein weiter.....Solange sich in den Veranstaltungen der Kirchen immer dieselben Menschen befinden, die notwendigerweise um sich selbst nur kreisen können, solange wirde es keinen echten Aufbruch geben. Gehen wir an den Rand ohne veranstalterischen Kontext und fragen die, die dort stehen und sich teilweise nicht mehr zu bewegen wissen.

Aber keine Regel ohne Ausnahme!Und ich weiß auch gar nicht so recht, ob ich mit diesem Kommentar hier richtig bin. Denn wie gesagt: KIRCHENFERN mit Versuch sich zu informieren

Am Ende des Weltjugendtags 2016 in Krakau hat PP. Franziskus eingeladen, „Brücken zu bauen“ und „Mauern zu durchbrechen“. Warum wünschen wir die Power dazu eigentlich immer nur Jugendlichen? Sind wir Alten mit unseren Träumen etwa nicht die Vorlage für die Jungen und ihre Visionen (Apg. 2, 16-17)? Ich finde es total spannend, wie der Heilige Geist zur Zeit zwischen den Konfessionen ackert, das Unterste nach oben schichtet und umgekehrt und dabei die Grenzen unkenntlich werden. Das nächste wäre dann vielleicht ein vereinigtes Kongressformat von Willow, Dynamissio und Kirche², welches die bisherigen getrennten Marschformationen bündelt? Bei „Pfingsten 21“ haben wir mit unseren Basics gerade hautnah erlebt, dass so etwas geht. Diesen Mut und diese Zuversicht (2. Tim. 1, 6-7) wünsche ich W@nder auch! Und ich werde mit unserem Gründungsprojekt selbstverständlich dabei sein.

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