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RaumZeit – gemeinsam mit den Menschen Raum und Zeit gestalten und (auf) Gott treffen

  • Veröffentlicht am: 5 July 2017
  • AutorIn: Gastbeitrag

Es gibt Städte in Deutschland, die wachsen. Stade ist eine von ihnen. Wenn in einer solchen Stadt ein neues Baugebiet ausgeschrieben wird und langsam wächst, dann wird heute keine neue Kirche mehr gebaut. In den siebziger Jahren war das anders. Aber das ist noch lange kein Grund, als Kirche nicht vor Ort zu sein.

RaumZeit ist ein Projekt des Kirchenkreises Stades und des Gesamtverbands der Stader Kirchen mit dem Ziel, in den neuen Stadtteilen Riensförde und Ottenbeck (gut, der ist schon 20 Jahre alt, fühlt sich aber immer noch jung an) Kirche im Alltag der Menschen zu sein. Wir, das bin ich als hauptamtliche Pastorin und drei ehrenamtliche Mitstreiterinnen, wollen Raum und Zeit mit den Menschen teilen, ihnen im Alltag begegnen, mit ihnen ins Gespräch kommen, über Gott und die Welt reden.

Praktisch sieht das zur Zeit so aus, dass ich einmal in der Woche in einem Café in einem der Stadtteile sitze und ansprechbar bin für die Menschen, die da kommen. Das ist richtig spannend, denn viele wollen zwar kein längeres Gespräch, aber finden es großartig, dass die „Kirche“ einfach mal da ist. Und dann setzt sich jemand länger zu mir und erzählt aus seinem Leben oder der Geschichte des Stadtteils. Oder es klingelt irgendwann später mein Handy und jemand fragt nach einem Gespräch, da er oder sie sich im Café nicht getraut hat. 

Alle zwei Wochen stehen wir auf einem Spielplatz im anderen Stadtteil. Wir haben Kaffee und Kuchen dabei und freuen uns über die, die einfach mal vorbeischauen. Da muss sich auch mal jemand Luft machen über eine Baufirma, die Mist gebaut hat, oder die Müllabfuhr, die die Sammelstelle der Gelben Säcke nicht gereinigt hat. In lockeren Abständen laden wir auch zu einem Mitbringabendbrot auf die grüne Wiese ein. Zwanzig junge Erwachsene im Alter zwischen Anfang zwanzig und Mitte Vierzig sind beim letzten Mal gekommen. Wir haben ziemlich viel gelacht. Parallel ist die Idee entstanden, dass wir mal einen Flohmarkt im Stadtteil bräuchten. Also werden wir nach den Ferien anfangen zu planen.

Besonders beeindruckt bin ich, wenn sich bei einer solcher Veranstaltungen plötzlich jemand zu mir setzt und mit mir im wahrsten Sinne des Wortes über den Sinn des Lebens reden möchte – weil gerade jemand in der Verwandtschaft gestorben ist. Dann spüre ich, dass die Sehnsucht und das Bedürfnis nach den Antworten auf die großen Fragen des Lebens groß sind. Es tut unheimlich gut, sich dann Zeit für das Gegenüber nehmen zu können ohne schon wieder an den nächsten Termin denken zu müssen.

Das ist eigentlich eine der prägendsten Erfahrungen: weil ich nicht für die Kasualversorgung eines Pfarrbezirkes zuständig bin und auch keine festen Predigtverpflichtungen habe, kann ich meinen Terminplan viel flexibler gestalten. Das heißt, dass ich für unsere Angebote immer doppelt soviel Zeit einplane, wie sie eigentlich dauern. So habe ich Zeit für die Gespräche und Begegnungen, die sich drumherum ergeben – die Menschen spüren das und sind begeistert. Oft höre ich, dass hier jemand von der Kirche endlich mal Zeit hat. 

Zugleich lerne ich aber auch die Errungenschaften unserer Kirchengemeinden zu schätzen. Bis vor wenigen Monaten war es normal, dass ich auf meiner Pfarrstelle eine Kirche, ein Gemeindehaus und ein Büro zur Verfügung hatte. Wenn es Kaffee geben sollte, bin ich in die Küche gegangen und fand dort alles vor, was ich brauchte. Tische, Stühle, Geschirr, Kerzen, Sanitäranlagen – alles gehört zur Ausstattung einer Kirchengemeinde dazu. Viele Abläufe sind eingespielt. Das Versenden der Post erfolgt über das Büro, die Gemeindebriefe werden von Ehrenamtlichen ausgetragen. Das alles haben wir bei RaumZeit nicht. Wir haben ein recht kleines finanzielles Budget. Große Veranstaltungen sind da nicht drin. Wenn wir zum Mitbring-Abendbrot einladen, dann müssen wir die Werbung entwerfen, den Druck veranlassen und die Flyer selbst austragen. Bierzeltgarnituren müssen geliehen, Tischdecken zusammengesammelt, Geschirr in einer Kirchengemeinde abgeholt werden. Die Liste ließe sich noch lange fortführen. Daneben sind wir vom Wetter abhängig. Entweder können wir draußen sitzen oder wir laden in unsere privaten Wohnzimmer ein. Das sind völlig neue Erfahrungen für uns und lässt uns über viele Dinge neu nachdenken.

In all diesem Nachdenken hat Gott uns gerade ein Haus vor die Füße gelegt. In einem der Stadtteile wird Ende des Jahres ein kleines Haus frei, das wir mieten könnten. Von Austattung und Lage wäre es perfekt, zumal viele Bürgerinnen und Bürger uns schon nahe gelegt haben, dieses Haus für den Stadtteil zu gestalten. Also kommen nun Fragen der Finanzierung und Unterhaltung auf uns zu. Wer ist bereit, uns zu unterstützen, damit wir einen Raum für die Menschen des Stadtteils öffnen können?

Die für mich größte Erfahrung ist, dass Gott längst in diesen Stadtteilen am Werk ist. Immer wieder, wenn irgendetwas aussichtslos schien, wenn wir das Gefühl hatten, das läuft nicht, dann hat er uns gezeigt, wo wir weiter gehen sollen. So ist all unser Tun und Denken nicht unser eigenes Werk sondern unser Mitwirken an Gottes Werk. 

 

Sabine Ulrich über sich:

Seit fast 10 Jahren bin ich Pastorin und habe mir in dieser Zeit immer wieder die Frage nach den anderen Glaubens-Wegen gestellt. Seit Januar 2017 darf ich sie in Stade auf einer Stelle für fresh expressions of church ausprobieren. Daneben schreibe ich einen Blog rund um das Thema Fresh X (www.kirchgezeiten.de) und bin immer wieder unterwegs, um andere, die aufgebrochen sind, kennenzulernen. Wer unserem Projekt folgen möchte, findet uns unter www.raumzeit.wir-e.de sowie bei Facebook und Twitter.

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