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Ja, die darf 100 fahren - Erfahrungen nach einem Jahr mit dem Kirchenmobil

  • Veröffentlicht am: 28 June 2017
  • AutorIn: Gastbeitrag

Es gibt Neues von unserer ehemaligen FSJ-lerin Julia Schönbeck. Julia, 19 studiert seit Oktober Theologie in Göttingen. Außerdem leitet sie ehrenamtlich das Kirchenmobil der Kirche Obernkirchen. Hier berichtet sie von ihren Erfahrungen und Erlebnissen aus einem Jahr Bauwagenkirche.

Wenn man mit einer himmelblauen Bauwagenkirche unterwegs ist, liegen die ersten Fragen natürlich nahe: Habt ihr die Fenster selbst eingebaut? Ist die Anrichte nicht aus einem gewissen schwedischen Möbelhaus? Und vorallem: Wie schnell darf man denn damit fahren? Die Antworten sind dann meist mehr oder weniger überraschend: Ja haben wir. Ja ist sie. 100 km/h.

Unser Kirchenmobil gibt es in der heutigen Form nun seit etwa einem Jahr. Am 1. April 2016 haben wir Einweihung gefeiert, am 1. April diesen Jahres dann schon den ersten Geburtstag.

Wir hatten schon zu Beginn des Projekts, als wir die Förderung beim Fonds Missionarischer Chancen beantragten, eine einjährige Probephase eingeplant und das war sehr gut so. Im ersten Jahr steckten wir viel Zeit in den Umbau des Wagens, die Ausstattung. Und dann probierten wir und übten. Was brauchen wir eigentlich unterwegs? Wir kriegt man das Kirchenmobil heile auf eine Wiese und auch wieder runter? Welche Kekse schmecken am Besten? Welche Gespräche werden wir führen? Auf welche Fragen sollten wir uns gefasst machen? Fragen über Fragen. Es half nur eins:

Versuchen. Scheitern. Lernen. Weitermachen.

Da musste schonmal eine Altarschublade oder das Stützrad kaputt gehen. Da sind schonmal die leckeren Schokokekse im sich aufheizenden Anhänger geschmolzen oder auch die dicken Kerzen auf dem Altar. Da ist schonmal was schief gegangen. Aber das gehört zu neuen Ideen doch dazu.

Schubladen kann man kleben, Stützräder ersetzen und Schokolade an den Fingern hat auch noch Keinem geschadet. Es war ein gutes erstes Jahr. Ohne Zeitdruck und ohne Erwartungen. Und im Rückblick haben wir einiges geschafft. Wir waren schon ziemlich viel unterwegs: auf dem Landesjugendcamp und dem Kirchentag in Berlin, auf dem Wochenmarkt und dem Stadtfest, beim Torfhaus im Harz, im Kloster, in Obernkirchen, auf diversen Demos gegen Rechts.

All diese Orte verbindet etwas: Es sind Orte, an denen wir finden, dass Kirche dort sein sollte. Wie und womit, das sieht überall anders aus. Wenn wir unterwegs sind, dann wollen wir vor Ort etwas Gutes tun. Wir sind da, machen die Tür auf, die Kerzen an. Wir hören zu und packen mit an, wenn es etwas zu tun gibt. Wir halten dann den Pavillon vom Standnachbarn fest, damit er nicht wegfliegt. Wir verleihen unsere Kabeltrommel. Wir sind da für persönliche Gespräche. Wir verteilen Kekse. Wir haben ein Dach, wenn es regnet und sind ein prima Sonnenschutz. Wir organisieren Wasser für die Demonstranten, die Pfefferspray in den Augen haben. Wir bringen Joghurt mit zur Shabbatfeier der jüdischen Gemeinde. Wir setzen uns ein und sagen auch mal klar unsere Meinung.

Kirche sein ist doch eigentlich ganz leicht: Da sein und zuhören. Etwas Gutes tun. Von dem erzählen, was Dich berührt. Sehnsucht teilen.

Dabei spielt die Form doch keine große Rolle. Es ist egal wie Deine Kirche aussieht. Ob Bauwagenkirche, kleine Dorfkapelle oder Dom: Das was zählt ist das, was verbindet – über alle konfessionellen, geografischen und gefühlten Grenzen hinweg. Wir sind eine Kirche. Eine bunte Kirche. Egal ob aus Stein oder auf Rädern, unterwegs sind wir alle, wenn auch nicht immer wörtlich.

Unser Kirchenmobil würde es heute ohne die finanzielle Unterstützung des Fonds Missionarischer Chancen der Landeskirche Hannovers nicht geben. Wir sind dankbar für die Chance, die wir dadurch bekommen haben und das große Vertrauen, das die Landeskirche in uns als Ehrenamtliche setzt. Ich finde das ist nicht selbstverständlich. Und ich bin stolz darauf, dass unsere Kirche uns vertraut und unterstützt mit unseren Ideen und Träumen.

Ich durfte in diesem Jahr mit dem Kirchenmobil auch persönlich sehr viel lernen. Ich habe gelernt, wie oft wir in unseren Selbstverständlichkeiten feststecken. Die spannenden, herausfordernden Gespräche sind immer die, in denen ich übersetzen muss. Vor ein paar Wochen haben wir mit KonfirmandInnen über Kirche diskutiert. Das war so ein Moment, in dem ich übersetzen musste: Seelsorge. Kanzel. Nächstenliebe.

Diese Momente tun gut, weil sie die Selbstverständlichkeiten aufdecken. Ich muss plötzlich umschreiben, alltägliche „normale“ Worte finden. Das was unsere kirchlichen Worte beschreiben, ihren Gegenstand, verstehen die Jugendlichen. Nur die Sprache, das Wort dafür ist eben fremd. Jemand muss übersetzen, denn auch „Nächstenliebe“ ist heute manchmal ein Fremdwort, nicht aber das, was damit gemeint ist.

Unser Kirchenmobil, unsere Bauwagenkirche St. Marys, ist auch so eine Übersetzung, nur dass es dabei nicht um Sprache geht. Sie übersetzt das, was Kirche für uns ausmacht für Menschen, die in traditionellen Gemeinden keinen Platz finden. Sie ist aber auch nur genau das: eine Übersetzung, ein anderer Ausdruck von der selben Sache. Sie ist eine Form von Kirche, wie jede andere Gemeinde, wenn auch etwas ungewöhnlich, das gebe ich wohl zu.

Einheitssprache gibt es nicht. Aber bei allen Übersetzungen zählt doch im Endeffekt nur die Botschaft. Oder nicht? 

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