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Gründerzeiten

  • Veröffentlicht am: 7 August 2014
  • AutorIn: Maria Herrmann

Nachgedanken zum Pilotkurs Fresh X.

In der Mittagspause. Wir treten vor die Türe unseres Büros in Hannover Linden. Die Schwüle erwischt uns eiskalt. Aber wir haben nichts mehr zu Essen in unserem Kühlschrank mit der großen Glastüre. Das kann man schnell erkennen. Nur Milchtüten und Wasserflaschen. Wir müssen hinaus. Viele tätowierte Arme schieben hier auf den Straßen Kinderwägen. Durch Menschen hindurch, die mit ihren Pappbechern auf dem geteerten Boden sitzen. Zum nächsten Biobäcker. Vorbei an einer Metzgerei mit Halal-Produkten, einem Programmkino. An den Türschildern von hippen Werbeagenturen und zwischen Pfandsammlern hindurch.

Lässt man den Blick nach oben wandern geht es auf den Straßen von Linden genauso vielfältig zu wie bei dem, was diese Straßen einrahmt. Das Grau der Nachkriegszeit. In vielen unterschiedlichen Farbgebungen. Einige wenige Neubauten. Und dazwischen und ganz bestimmt die für diesen Stadtteil prägende Gründerzeitarchitektur.

Es ist immer wieder ein kleines Abenteuer durch diese Straßen zu gehen. Wegen der Unterschiedlichkeiten, die hier ansichtig werden. Aber viel mehr noch wegen des Lebens, das sich dazwischen seine Bahnen sucht. Eben in vielfältigen und überraschenden Weisen. Und in einer ansteckenden Unnachgiebigkeit.

Gründerzeit. Eine Zeit, in der sich Stadtkultur neu erfand. Das ist hier in Linden deutlich zu spüren. Sie und ihre Architektur trägt diesen Stadtteil. Wenig verwunderlich ist für mich dabei, dass wir im letzten Buch unserer heiligen Schrift auch von einer Zukunft lesen, die sich im Bild der Stadt zeigt. Stadt und Zukunft gehören irgendwie zusammen. Für mich steht das nun überhaupt nicht im Widerspruch zu Land oder ländlicheren Regionen und Räumen. Im Gegenteil. Die Stadt steht vielmehr für den Blick auf das Gesamte: In aller Unterschiedlichkeit vereint. Ganz genauso wie hier in Linden die Gebäude aus den unterschiedlichen Zeiten und vielmehr noch die Menschen in ihren unterschiedlichen Kontexten nebeneinander sind und miteinander leben. In der Offenbarung lese ich von einer Stadt, die erfahrbar und erlebbar macht und feiert, wie vielfältig wir sind. Das kann man in Linden spüren.

Gründerzeit. Vor nicht ganz einem Jahr sind wir gemeinsam mit etwas mehr als 20 Teilnehmenden zu unserem Pilotkurs in Sachen Fresh-X aufgebrochen. An 6 Wochenenden haben wir uns gemeinsam überlegt wie wir heute Kirche in unseren Kontexten und gemeinsam mit anderen relevant gestalten können. Partizipativ und den Gaben jedes einzelnen entsprechend. Das »Stadtgefühl« sollte uns prägen.

Wir haben danach gefragt, was Kirche, was Gemeinde ist und sein kann. Was es bedeutet eine Sendung zu erfahren und eine Kultur der Nachfolge zu pflegen. Wie ist das mit dem Verhältnis von Evangelium und Kultur. Wie kommen Menschen zum Glauben und wie verlieren sie ihn. Wie leiten und begleiten wir und warum ist es wichtig und grundlegend in Teams zu arbeiten. Wie können wir von anderen Beispielen kirchlicher Aufbrüche lernen.

Das Mehr dabei, das hoch 2 wenn man so will, war der Raum der sich zwischen den Einheiten ergeben hat. Vielfalt sollte in Kirche, in unserem Kurs (er-)lebbar werden. Vielfalt war spürbar in den unterschiedlichen Liturgien, die wir im Blick auf die unterschiedlich konfessionellen Orte gefeiert haben, an denen die Kurswochenende stattfanden. Vielfalt war auch sichtbar in dem, was den Kurs getragen hat: In der pluralen Gemeinschaft von Frauen und Männern, Haupt- und Ehrenamtlichen, im Alter von 30-60+.

Und versöhnte Vielfalt wurde auch in den vielen Gesprächen zwischen den Kurseinheiten deutlich, in denen ein bewusstes und wertschätzendes Wahrnehmen des Anderen – sei es der anderen Spiritualität, der anderen Kirchenbilder – möglich war. In all dem, war etwas spürbar, das wir oft und gerne als geistlichen Prozess beschreiben. Dieser manifestierte sich auch darin, dass das Scheitern von Ideen auch Raum und Platz hatte. Etwas, das in Kirche nicht so häufig vorzukommen scheint. Jedenfalls selten, wenn es uns selbst betrifft.

Vielfalt ist schließlich auch in dem sichtbar, was sich nun bei den Teilnehmenden entwickelt hat oder für die Zukunft zu erahnen ist. Ein Café für Flüchtlinge. Eine Neuausrichtung einer Hochschulgemeinde. Eine kreative Gemeinschaft rund um Bewegung, Tanz und Gottesdienst. Ein Filmprojekt. Eine kleine christliche Gemeinschaft. Und viel Inspiration für bestehende Strukturen und  Initiativen.

Gründerzeit eben. Heute, an dem Tag an dem die berühmte Stelle aus Mt 16 im Zentrum des Tagesevangeliums steht, soll dies nun kein Grund sein für ökumenischen Stillstand. Im Gegenteil. Gerade heute soll die Zeit dafür sein, dankbar zurückzublicken für diese tolle gemeinsame Erfahrung. Dafür, dass wir gemeinsam immer wieder Be-Gründung finden, in dem Evangelium von Glaube, Liebe und Hoffnung. Dafür, dass wir in einer Zeit leben, in der wir in aller Unterschiedlichkeit uns gemeinsam in einer Ökumene der Sendung auf den Weg machen können, das »Stadtleben« zu erkunden. Mit einem Eis in der Hand durch die Straßen zu wandern und sich zu den anderen zu setzen. 

Orientierung: 

Kommentare

ich würde als aussenstehender natürlich gern hören, was Ihr da konkret gemacht habt die Tage. Hier oeben lese ich nur Überschriften, aber wenig Konkretes.
thh

Gerne erzähle ich dazu mehr. Aber vielleicht noch eine Rückfrage: Geht es eher um Methoden oder Abläufe? Auf was hin soll ich die Frage beantworten?

Viele Grüße

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