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»Etwas geht vor sich im Rheinland...«

  • Veröffentlicht am: 1 November 2016
  • AutorIn: Raphael Below

Im Rheinland bemüht man sich um Innovation und Entwicklung in der Kirchenlandschaft. Vom 29. Oktober 2016 fand ein „Tag der Inspiration“ der Initiative „Glaubensreich“ statt. Ein Besuchs-Bericht.

Etwas geht vor sich im Rheinland. Eine Geschichte nimmt ihren Lauf. Und die geht ungefähr so:

Seit November 2014 treffen sich in regelmäßigen Abständen Ehren- und Hauptamtliche aus der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR). Frauen und Männer, Junge und Alte. Sie alle verbindet eine innere Unruhe. Der Wunsch, etwas in der Kirche zu verändern. Eine Sehnsucht nach adäquaten Formen von Gemeinde. Sie teilen miteinander. Ihre Gedanken, ihre Suchbewegung, ihre Hoffnungen. Und auch ihren Frust, ihre Unzufriedenheit und ihre Ratlosigkeit. Halten sie aus, ohne mit vorschnellen Lösungen zu kommen. Brüten gemeinsam über Geistesblitze und Schnapsideen. Irgendwann wagen sie sich an die Umsetzung. Trauen sich aus ihrer Komfort-Zone. Erleben dabei Fortschritte und Rückschläge. Brillieren und glänzen und machen dumme Fehler. Aber lassen sich nicht unterkriegen. Und dürfen erleben, wie langsam etwas wächst. Meistens nichts unglaubliches, nichts atemberaubendes. Aber doch das: Dass Kirche ungewohnte Gestalt annimmt. Und wie das bei Menschen, die sich von ihr schon lange nichts mehr erhofft haben, auf Resonanz trifft.

Eine gute Geschichte. Eine Geschichte in Film-Form. Und eine Geschichte ohne Ende. Sie erzählt von Anfängen, die ganz normale Menschen in und um Köln gemacht haben. Initiativen wie Die Beymeister und raumschiff.ruhr, die Teil des „Glaubensreich“ – Prozesses waren, sind noch an keinem Zielpunkt angekommen. Vielleicht zeichnet sich ihr Kirche-Sein genau dadurch aus: Dass das Ankommen gar nicht ihr Ziel ist. Sie bejahen die stetige Suche nach zeitgemäßen, relevanten Formen. Sie bleiben im Werden begriffen. Sie gehen weiter mit wachen Augen durch ihre Kontexte, beobachten und belauschen diese aufmerksam, während sie Formen erproben. Vielleicht geht Kirche-Sein so?

Eine gute Geschichte. Und vielleicht gerade deshalb eine, die inspirieren kann: Weil sie keine allgemein gültigen Lösungswege bietet, sondern zur Suche, zum Fragen und zum Ausprobieren animiert.
Viele hören und sehen diese Geschichte am 29. Oktober im Kölner Gürzenich. Am Abend zuvor war sie unter dem Titel „Reformatoren von heute“ erstmals der Öffentlichkeit präsentiert worden. Und auch heute, am „Tag der Inspiration“, werden immer wieder Teile von ihr erzählt. Die BesucherInnen, das sind nicht nur ChristInnen aus der EKiR. Im von Studio komplementaer außergewöhnlich schön gestalteten Programmheft schreibt Präses Rekowski: „Der Tag der Inspiration versteht sich ausdrücklich ökumenisch. Denn wir teilen als Kirche Jesu Christi einen gemeinsamen Auftrag und stehen vor gemeinsamen Fragen und Herausforderungen. Wir können von einander lernen und werden manche Antworten nur gemeinsam finden können.“ Ökumene wird bei der Veranstaltungsplanung offensichtlich groß geschrieben. Und tatsächlich: Sowohl das Publikum als auch die RednerInnen-Liste ist konfessionell bunter als bei vielen anderen kirchlichen Veranstaltungen.

Die BesucherInnen erwartet ein wohldurchdachter Tagesablauf. Neben Zeit für Begegnungen und einer langen (aber durchaus abwechslungsreichen) Startveranstaltung im Gürzenich bietet er an verschiedenen Orten Kölns inhaltliche „Entdeckungsräume“ und Workshops, dazu Platz für Andacht und Musik. Durch Elemente wie Tischgespräche, eigenes Ausprobieren oder die Twitterwall wird den BesucherInnen Partizipation ermöglicht und der Fokus des Geschehens immer wieder auf sie selbst gelenkt.

Nicht alles, was mir am „Tag der Inspiration“ begegnet ist, hat mich überzeugt. Enttäuscht war ich von meinem Entdeckungsraum „Geistlich Kirche sein“. Gerade weil ich Einzelne der vorne stehenden Personen kenne und schätze, hatte ich mir einiges von der Veranstaltung versprochen. Leider bot sie nicht ausreichend Raum, um die Überzeugungen, Gedanken und Anliegen der Impulsgeber angemessen zur Geltung zu bringen. Zugegeben: Das mag auch daran gelegen haben, dass sich manch guter Gedanke schwerlich ins Korsett eines 5-Minuten-Beitrags pressen lässt. Aber auch daran, dass Ideen, die in einem bestimmten Kontext exakt die richtigen sind, nicht allgemein

adaptierbar sind, eben weil sie ihren jeweiligen Kontext ernst nehmen. Ein Zeichen von kostbarer Vielfalt unter uns, nur leider in dieser Form wenig inspirierend für mich. Was aber nicht heißt, dass nicht andere sehr von ihren Veranstaltungen profitiert haben können! Eine befreundete Theologiestudentin aus der EKiR schrieb mir über ihren Nachmittag: „Ich bin inspiriert und motiviert in dieser Landeskirche zu sein! In aller Tradition und Struktur durfte ich ein Neudenken, ausprobieren dürfen und innovativ sein entdecken. Klar gibt es leider Widerstände, aber ich hab ein Neudenken und langsames Herantasten an frische inhaltliche Formen spüren können. Das freut und stärkt mich echt. Ich bin froh da gewesen zu sein und zu merken wie man gemeinsam unterwegs ist und zukünftig Kirche sein kann.“ Das lässt sich doch lesen! Wenn eine EKiR-Veranstaltung einen derartigen Effekt auf ihre Nachwuchs-TheologInnen hat, muss sie einiges richtig machen. Die Geschichte berührt und begeistert. Leute fahren inspiriert nach Hause. Und als angehender Pfarrer der Hannoverschen Landeskirche schreibe ich darum nicht ohne Respekt: Es geht etwas vor sich im Rheinland. Ich bin gespannt, wie die Geschichte weiter geht.

Die Geschichte lässt sich übrigens auch sehen! Seit kurzem ist der Film „Reformatoren von heute“ online: http://reformatoren-von-heute.de/).

Wer mehr über „Glaubensreich“ erfahren möchte wird hier (http://www.glaubensreich.ekir.de/) fündig. 

Orientierung: 

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