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»Denn er ist ja für keinen von uns in unerreichbarer Ferne...«

  • Veröffentlicht am: 4 February 2014
  • AutorIn: Maria Herrmann

Predigt zu Apg 17,22-26 gehalten am 3.2.2013 in St. Benno Linden/Hannover von Pastorin Sandra Bils und Maria Herrmann zur Einführung der Projektstellen

  • @Pastorsandy, 6.12.2012 Hallo Maria, hast du grad noch Kapazitäten? Ich engagier mich ehrenamtlich bei #kirchehoch2. Wir planen nen Kongress & könnten deine Mithilfe gebrauchen. 
  • @maerys, 6.12.2012 Hi Sandra, was ist denn #kirchehoch2? An was für ne Mitarbeit hast du gedacht?
  • @Pastorsandy, 6.12.2012 Bei #kirchehoch2 geht es um Zukunft und Ökumene. Wir brauchen noch Tipps von einer Webdesignerin, die mit Kirche kann. 
  • @maerys, 6.12.2012 Klingt spannend. Lass uns mal ein Bier trinken gehen. Dann kannst du ja ausführlicher erzählen.
  • @Pastorsandy, 6.12.2012 So sei es! Komm doch am 20.12. mit in die Offensteinstraße zum Kreativentreffen… 

Wir kennen uns aus dem Internet. Hört sich seltsam an, oder? Normalerweise kennen sich Halbstarke aus dem Internet. Oder Menschen auf Partnersuche. Oder Leute mit skurrilen Hobbys. Ob das, was wir hier tun skurril ist, wird noch zur Sprache kommen.

Aber: Wir sind davon überzeugt, dass ein Großteil unserer Aufgabe mit Kommunikation zu tun hat. Und so ist es ein Geschenk, dass wir uns im Gespräch kennenlernen durften. Nicht mit einem Arbeitsauftrag. 

Wir konnten uns über eine längere Zeit immer wieder mal wahrnehmen. Standpunkte austauschen. Und wir konnten das an einem Ort tun, der immer wieder Grenzen überwindet: In der Virtualität. Eben im Internet.

Dass dieses Kennenlernen virtuell war hat es nicht weniger real gemacht! Denn Virtualität ist ganz und gar echt, Virtualität ist real. Die Gespräche waren echt und das Kennenlernen auch. Weil dieses Kennenlernen virtuell war, wurde es uns erst möglich. 

Von einer anderen virtuellen Realität dürfen wir Christen Tag für Tag lernen. Denn all das keine neue Idee: 

Das was wir im Lesen und Teilen unserer Heiligen Schriften erleben ist virtuelle Kommunikation. Und das erleben wir sehr real, sonst wären wir nicht hier. Virtuelle, das heißt reale Kommunikation mit unserem Gott. Mit all denen, die vor uns, mit uns und nach uns glauben.

Und auch jetzt soll das, was wir aus der Bibel empfangen dürfen, am Anfang stehen. 

Apg 17, 22-26

Paulus kommt nach Athen. Metropole, Machtzentrum, Weltstadt am Puls der Zeit. Er schlendert durch die Stadt und schaut sich erst einmal um. Er schaut, welche Orte den Athenern wichtig sind. Wo sie sich aufhalten, wo ihr Herz schlägt. Dabei verlässt er sich nicht auf Reiseführer, Touristenhandbücher oder die gut gemeinten Tipps von Freunden und Einheimischen. 

Nein, er guckt selber. Und dafür nimmt er sich Zeit. Er schaut sich alles genau an, hört den Gesprächen der Athener zu, schnuppert in die duftenden Kochtöpfe und schmeckt ihre traditionellen Gerichte. Er nimmt erst mal wahr - mit allen Sinnen. 

So wie vor 10 Jahren. Als sich ein paar Norddeutsche nach England aufmachten. Später würde man sie „Kirchehochzwei“ nennen. Sie machten sich auf den Weg, um von den inspirierenden Konzepten der Anglikaner in Großbritannien zu lernen. Und da war es auch genau diese wahrnehmende Haltung, die alle begeisterte. 

Erst mal wahrnehmen, erst mal hinhören. Nicht gleich vorschnelle Antworten parat haben, nicht gleich fertige Lösungen aus der Tasche ziehen. Die Engländer hatten gute Erfahrung mit einer wahrnehmenden Haltung gemacht. Und die in zwei Richtungen: Mit einem Ohr bei den Menschen und mit dem anderen Ohr bei Gott. Double Listening. Bevor es daran geht die Fresh Expressions, die neuen Formen von Kirche zu gestalten, kommt erst einmal die Bestandsaufnahme. Die Wahrnehmung. Eine andere Haltung einnehmen. Erst mal wahrnehmen. Gucken, was sich vor Ort tut, bei Gott und seinen Menschen. 

Aber was heisst das konkret. Wie funktioniert so eine wahrnehmende Haltung übertragen auf uns. Da kann man von Paulus lernen und sich selber fragen: Wo sind die wichtigen Orte in meinem Lebensumfeld? Was bei den Athenern der große Marktplatz, der Aeropag war, was ist der für Sie und euch, liebe Gemeinde. „Wo wird Alltags- und Lebensgeschichte geschrieben? Fußballplatz, Schützenheim, Seniorenzentrum, Fußgängerzone? Wo ist Gott schon am Werk, ohne, dass wir es bisher vermutet hätten? - Nur, weil wir noch nie darauf geachtet haben?

Erfolgreich Scheitern?

Paulus geht also durch die Fußgängerzonen seiner Zeit. Durch den Apple-Store in Athen. Vorbei am goldenen M in Milet. In Jerusalem besucht er ein Joga-Studio. In Iconium wartet er am Gleis 4 auf den ICE. Er geht in Konsum- und Wellnesstempel. In die Pilgerzentren und Kathedralen unserer mobilen Gesellschaft.

Ohne das Gespräch mit unseren Mitmenschen zu suchen bekommen wir mit ihm an diesen Orten den fatalen Eindruck: Zahllose Götterstatuen. Aber kein Gott. Leere Gotteshäuser, leere Gottesdienste. Weniger Gläubige, weniger Glauben? Nach 2000 Jahren – gescheitert? Das Ende?

Wie gehen wir um mit diesem Scheitern? Und was sagt das aus über den Umgang in Kirche mit dem Scheitern von Einzelnen? Können wir uns Scheitern leisten? Sind wir zum Erfolg verdammt? Und woran machen wir überhaupt Scheitern und Erfolg fest? Haben wir wirklich den Mut Scheitern in Kauf zu nehmen? Warum gönnen wir uns keine Kultur des erfolgreichen Scheiterns?

»Allein weil Gott ein armer, elender, unbekannter, erfolgloser Mensch wurde, und weil Gott sich von nun an allein in dieser Armut, im Kreuz, finden lassen will, darum kommen wir von dem Menschen und von der Welt nicht los.« So schreibt Bonhoeffer 1939 in einem Brief an Theodor Litt.

Suchen wir das Gespräch, so wie es Paulus getan hat. Mit den Menschen und der Welt, die uns nicht loslassen will. So kann aus heiliger Neugier und in heiligen Experimenten auch im heiligen Scheitern Neues entstehen. Suchen wir das Gespräch mit Gott. Lassen wir das Scheitern und uns verwandeln. Bleiben wir im Vertrauen darauf, dass sich auch in diesen Momenten lebendige Statuen für den alles andere als unbekannten Gott zeigen. Dem Gott, der uns in allem gleich geworden ist. Nur nicht in der Sünde. Aber im Scheitern. 

Keine bleibende Stadt

„Was macht ihr jetzt eigentlich genau?“ werden wir beide oft gefragt. „Was sind das für Stellen?“ 

„Ach, befristet? Das ist ja doof.“ 

„Ach, ihr habt noch gar kein gemeinsames Büro? Das ist ja doof.“ 

Mittlerweile haben wir uns einen Katalog an Antworten zurechtgelegt, um darauf zu reagieren.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt“ (Hebr 13,14) sagen wir zum Beispiel schmunzelnd. Denn wir erleben oft, dass wir mit unserem Projekt, unserer Unfertigkeit und unserem Provisorium in alter Tradition stehen. Das Leben ist eine Baustelle, eben keine bleibende Stadt. Das Leben ist eine Baustelle, wie das ökumenische Projektbüro in der Offensteinstraße. Auf den Einladungen zum heutigen Tag noch vollmundig mit einer Besichtigungsmöglichkeit angekündigt. Einige von ihnen sind vielleicht gerade noch vorbeispaziert. Vorbei, aber eben nicht hinein. Denn nach dem zweiten Wasserschaden dort, sind die Räume derzeit nicht zu gebrauchen: Trocknungsgeräte und der Putz rieselt von der Decke. Ärgerlich, aber nicht zu ändern. 

Das Leben ist eine Baustelle und keine bleibende Stadt. 

Und schließlich gibt es auch andere Geschichten in der Bibel, in denen Dächer abgedeckt werden und der Putz von oben rieselt, damit man den Durchblick bekommt und Jesus näher kommt. 

Kirchehochzwei ist ein Projekt und hat Projektcharakter. Wir sind auf dem Weg. Nicht fertig, eher auf der Suche, beim Wahrnehmen. 

Nur weil die Kirche sich mit der Ewigkeit gut auskennt, muss nicht alles für die Ewigkeit sein. Die Kirche braucht den stattlichen Dom, aber eben auch die mobilen Zeltstädte. Vertrautes, wie den traditionellen Sonntagsgottesdienst, aber eben auch die neuen Aufbrüche. Auf Motorradwallfahrten im Cuxhafener Land unterwegs oder hier in Nähe vor Ort, wie in Jakobiocean, bei dem die Citykirche in Hildesheim in eine Unterwasserwelt verwandelt wurde. Neu und Alt. Beständig und nur experimentell-projekthaft. Das muss kein Widerspruch sein.
Das kann eher ein Nebeneinander sein, das sich befruchtet. So wir das ökumenische Nebeneinander der unterschiedlichen Konfessionen bei uns. 

Mixed economy, baby

Nun und wie soll das gehen? Dieses Nebeneinander. Diese Miteinander. Wie soll das gehen mit dieser Kirche hoch 2. Schon wieder etwas Neues? Gibt es nicht schon so viele neue Projekte? Wie soll das gehen mit der Ökumene? Missionarische Seelsorge oder missionarische Dienste? Wie soll das gehen mit uns beiden? Du Nordlicht, ich mit süddeutschem Zungenschlag und Gemüt. Du als Pastorin, allgemein berufen. Ich als Teil eines gemeinsamen Priestertums. Und da fange ich gerade erst an mit den Dingen, die uns beide unterscheiden… 

Genau in dieser Spannweite eröffnen wir Räume. Denn klar ist: Es braucht die Unterschiede. Diese Vielfalt macht eine Kirche der Zukunft aus. Sie bietet uns erst die Möglichkeit voneinander zu lernen.

Kirche hoch 2 beschreibt eine Fläche, ein Lernfeld, einen Raum. Einen Raum, in dem die Vielfalt gefeiert wird. Eine Vielfalt, die wir in unserem dreieinigen Gott grundgelegt sehen. Und eine Vielfalt, die sich in den Gaben der Gläubigen zeigt und im Leib Christi geeint sieht.

Vor ein paar Tagen tanzten wir beide auf einem Konzert zu einem Lied, in dem es heißt: »Vorwärts ist keine Richtung, aber alle rennen mit. Rückwärts ist keine Richtung, aber alle schau'n zurück.«

Es geht nicht um das blinde Vorwärts. Das Neue um des Neuen Willens. Kein Projekt ist gut, nur weil es neu ist. Das Alte ist deswegen nicht schlecht, weil es nicht-neu ist. 

Und es geht sicherlich auch nicht um ein Rückwärts. Ein Früher war alles besser und ein das haben wir schon immer so gemacht.

Vielmehr der Blick um uns herum soll uns wichtig werden. Die Wahrnehmung dessen, was um uns herum lebt und zum Leben kommt. Die Vielfalt, die Leben schafft. Und das können wir von Paulus lernen, der ja, wie wir gehört haben, erst einmal mit all den unterschiedlichen Menschen das Gespräch sucht. Diese Haltung soll uns Vorbild sein: Herzhafte Neu- und Altgier. 

»Vorwärts ist keine Richtung, aber alle rennen mit.
Das hier ist nicht el Dorado, das ist nur ein kleiner Schritt. Rückwärts ist keine Richtung, aber alle schau'n zurück.
Das hier ist nicht Gotham City, es ist nur ein kleines Stück.«

So heißt es in unserem Ohrwurm vollständig. Ein kleiner Schritt. Ein kleines Stück. 

Muffensausen und wie Gott damit umgeht

Bei solch einer Projektstelle könnte man ja Muffensausen bekommen.

Alles neu, keine ausgetretenen Wege. Alles muss erst entdeckt und entschieden werden. Und dann auch noch von zwei so unterschiedlichen Vereinen. Katholisches Bistum, Lutherische Landeskirche. Denn manchmal sind die konfessionellen Unterschiede nicht nur ökumenisches Geschenk, sondern auch Herausforderung. 

„Maria, was ist eine „Wortgottesfeier mit Zeichenhandlung“? 

„Sandra, was macht eigentlich ein Landessuperintendent?“ 

Wir führen Vokabelhefte und geben uns wechselseitig Sprachkurse. Offizialat und Sprengel, Krelingen und Rom. Was bedeutet was und vor allem, wie muss man es jeweils einordnen? Wir zeigen uns gegenseitig Schätze und erklären Rosenkranz und die Faszination an Luthers Theologie. 

Man könnte Muffensausen bekommen. Es könnte uns die Pumpe gehen, ob all der Unterschiede, ob all der Baustellen, Provisorien und all der Dinge, die noch werden sollen. Aber schon während der Kongressvorbereitung haben wir spüren dürfen, wie Gott mit Muffensausen umgeht. 

Er ist uns nah. Mitten im Muffensausen. Mitten in der Vorbereitung eines Kongresses für 1500 Besucher. Gott ist nah, wenn es den ersten Fresh-X Kurs vorzubereiten und durchzuführen gilt. Gott ist nah, wenn ein Wasserschaden das neue Projektbüro verwüstet. 

„Gott ist ja für keinen von uns in unerreichbarer Ferne.“ Heisst es im Predigttext. „Gott ist ja für keinen von uns in unerreichbarer Ferne. Denn in ihm, dessen Gegenwart alles durchdringt, leben wir, bestehen wir und sind wir.“ Und so erfahren wir am eigenen Leib, was wir weitergeben wollen in unserer Arbeit. Bei unserem Fresh-X Kurs, bei den Studienreisen, bei all der Vernetzung und Beratung von Projekten. 

Nicht wir müssen alles allein machen. Gott ist am Werk und wir dürfen mitmachen. Da heißt es: jetzt erst einmal wahrnehmen. Double Listening. So wie Paulus erst mal hinhören, hinschauen, was die Menschen hier in Bistum und Landeskirche umtreibt und besonders auch die, die sich von der Kirche schon abgewandt haben. Erst mal wahrnehmen und hinschauen, was sich bei den Menschen tut. Aber auch Double Listening. Hören, was sich bei Gott tut, denn Gott ist ja für keinen von uns in unerreichbarer Ferne. 

Denn schließlich, mit allem, was Paulus tat,
 wollte er die Menschen dazu bringen, nach Gott zu fragen;
 Paulus wollte, dass sie
– wenn irgend möglich –
in Kontakt mit Gott kommen
und ihn finden.
Denn Er ist ja für keinen von uns
in unerreichbarer Ferne.

Spaceman Spiff - Vorwärts ist keine Richtung from D.T. on Vimeo.

Orientierung: 

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