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Bibel küsst Datzeberg

  • Veröffentlicht am: 12 October 2017
  • AutorIn: Gastbeitrag

Ein Gastbeitrag von Ralf Neumann

»Wir haben nach der Premiere noch drei Stunden diskutiert. Wir haben eigentlich nix mit der Bibel am Hut – aber die Filme haben uns berührt. Wir möchten mehr wissen!« »Ich bin ja nicht kirchlich oder so – aber das war schön zu hören.« »Gott schaut mich mit liebevollen Augen an – bei diesen Worten sind mir die Tränen runtergeflossen.«

Diese Sätze kommen nicht von irgendwem. Menschen vom Datzeberg – Freunde, Bekannte und Nachbarn aus diesem typisch ostdeutschen Plattenbaugebiet im Norden Neubrandenburgs – haben sie gesprochen, zumindest sinngemäß. Es sind Worte, die eine eine stille, warme Freude in mir auslösen.

Wir lieben unseren Datzeberg. Seit gut zehn Jahren sind wir hier unterwegs, als alternativer Ausdruck von Kirche namens polylux. Seit sechs Jahren wohnen wir mittendrin. Uns ist bewusst, dass vieles nicht gut läuft um uns herum. Dass sich ungüstige Startbedingungen ins Leben und fehlende Perspektiven praktisch Bahn brechen. Dass es Inspirierenderes gibt als graue Platten aus Stahlbeton. Aber gleichzeitig haben wir viele tolle Menschen kennengelernt. Dürfen Potenziale erahnen, Freundschaften entdecken, mit strahlenden Nachbarskindern abklatschen und gemeinsam mit unseren Nachbarn auch Verluste betrauern. Unsere Liebe zu den Leuten hier strahlt (hoffentlich) durch alles hindurch, was wir tun. Der Datzeberg ist zum Viertel unseres Herzens und zu unserem Zuhause geworden. 

Ein weiteres »Zuhause« für uns – im etwas abstrakteren Sinne – ist die Bibel. Diese Erzählungen von einem liebevollen Gott, dem wir Menschen wichtig sind. Diese »große Trösterin, Lehrerin, Kritikerin, originelle Geschichtenerzählerin«, um es mit den Worten von Christina Brudereck auszudrücken. Diese lebendige Story, in der wir uns wiederfinden und bergen können. Wir sind mit den Geschichten der Bibel aufgewachsen – unsere fast ausschließlich areligiös geprägten Datzeberger Freunde kennen sie nicht. Hatten bisher kaum eine Chance, ihre »Schätze« zu heben. Zwischen den Zeilen vielleicht sogar den wohlwollenden Blick Gottes aufzuschnappen und neue Fragen zu stellen.

Und so kamen wir auf die Idee, beides zusammenzubringen: Unser Viertel und die große Story. Die Geschichten der Bibel zu erzählen und somit zugänglich zu machen. Uns war dabei wichtig, dass unsere Datzeberger Nachbarn und Freunde etwas damit anfangen können. Dass möglichst wenig unverständliche Ausdrücke den Weg zu den Inhalten versperren. Dass sie nicht erst zu einem komischen religiösen Meeting gehen müssen, sondern sich das Ganze auch ganz anonym zu Hause reinpfeifen können. Dass sie auf das Erzählte reagieren dürfen, aber nicht müssen. 

Herausgekommen ist ein Filmprojekt, an dem wir über zwei Jahre lang geschraubt haben und das vor Kurzem das Licht der Öffentlichkeit erblickt hat. Kurze, dynamische Videoclips, anhand derer wir die Story der Bibel erzählen. Wir haben sie – so einfach wie genial - »Die Geschichte« genannt und zusammen mit einem tollen Neubrandenburger Filmemacher umgesetzt. Haben Ideen gesponnen, mit einigen Datzebergern an den Texten geschliffen, Skripte geschrieben und versucht, das Ganze möglichst vorzeigbar zu gestalten. Es mussten Texte auswendig gelernt und gute Spots für die Aufnahmen – idealer Weise mit einer aussagekräftigen Impression vom Datzeberg – gefunden werden. Dann wurde gedreht und geschnitten, Szenen wurden reflektiert, verworfen, neu gedreht oder ausgewählt. Am Ende standen insgesamt fünf fertige Clips, die die ersten elf Kapitel der Bibel umfassen.

Dass die Veröffentlichung der ersten Staffel ins Jahr 2017 – also genau ins Reformationsjubiläum – fiel, war nicht strategisch kalkuliert. Es passt trotzdem gut. Luthers Idee im Blick auf seine Übersetzungsarbeit der Bibel war es ja, diese »aus dem Staube [zu holen], in den sie durch das Traditionsprinzip der Kirche gesunken war«, um sie auch Laien »direkt und ohne jegliche Vermittlung« (Reinitzer 1983:60) zugänglich zu machen. So ähnlich wünschen wir uns das für unsere Datzeberger Nachbarn und Freunde auch.

Am 26. Juni war es dann so weit: Zusammen mit ungefähr 100 Gästen konnten wir eine wirklich schöne Premiere der ersten Staffel feiern. Sowohl die Atmosphäre als auch das Feedback auf die ersten Clips fühlten sich richtig gut an. An den drei darauffolgenden Donnerstagen trafen wir uns dann am Lagerfeuer direkt neben unserem Block, um über »Die Geschichte« ins Gespräch zu kommen. Jeder dieser Abende war anders, alle waren besonders. 10-15 Leute, viele von ihnen ohne kirchlichen Hintergrund, stellten gute Fragen und ließen die biblischen Erzählungen auf sich wirken. Einige stellten von sich aus biographische Bezüge her. Einmal kam eine Nachbarsfamilie mittendrin dazu, redete mit und ging nach einer halben Stunde wieder. Alle eingangs erwähnten Zitate stammen aus diesen Lagerfeuerabenden. 

Wir fragen uns seit vielen Jahren, wie Kirche in unserer Nachbarschaft aussehen könnte. Wie ein Raum gestaltet werden kann, in dem sich Prozesse der Leute mit Gott verdichten können. Wie es sich wohl anfühlt, wenn so etwas wie eine »Datzeberger Spiritualität« entsteht. Bei den Gesprächen am Lagerfeuer beschlich mich das Gefühl: Das hier könnte ein Teil davon sein. Wir sind vielleicht schon mitten drin.

Die Clips der ersten Staffel sind mittlerweile nicht nur auf Youtube, sondern auch auf einer eigenen Homepage zu finden. Einen großen Run in Form von Klickzahlen gab es bisher nicht, und ein Online-Dialog mit Hilfe der Kommentarfunktion ist entgegen unserer Vorstellungen auch nicht so richtig in Gang gekommen. Das ist aber völlig okay. Zum einen, weil man Manches vielleicht einfach ausprobieren muss. Und zum anderen, weil wir tatsächlich das Gefühl haben, dass »Die Geschichte« bei den Leuten aus unserem direkten Umfeld ankommt und heilsame Prozesse in Gang setzt. Und es fühlt sich gut an, dass die Filme als Ressource jetzt tatsächlich »da« und abrufbar sind. 

Das Storytelling beginnt also in unserem Stadtteil – aber natürlich wollen wir die große Geschichte nicht hier behalten. Sie gehört uns nicht. Sie ist sozusagen als Geschenk an alle gedacht. Deshalb freuen wir uns tatsächlich über jeden, der sich die Videoclips anschaut. Sie auf sich wirken lässt. Zuhört. Irgendetwas damit anfangen kann. Oder vielleicht in irgendeinem Kontext »einsetzen« kann. Die Geschichte darf strahlen: vom Datzeberg in die weite Welt!

P.S.: Und ja, wir haben schon angefangen, Pläne für eine zweite Staffel zu schmieden. Dazu brauchen wir noch ein bisschen Zeit und ein bisschen Geld - aber vor unserem inneren Auge nimmt sie langsam Gestalt an! :)

 

 

Immer wieder fragen wir Menschen, denen wir in unserer Arbeit begegnen nach ihren Erfahrungen und bitten Sie um kleine Beiträge für unser Blog. Sollten wir das bei Ihnen vergessen haben oder sollten wir uns noch nicht begegnet sein, melden Sie sich gerne bei uns, wenn auch Sie eine Erfahrung teilen oder eine Geschichte in unserem Blog erzählen wollen. Wir freuen uns von Ihnen zu hören. 

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