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15 Monate und ein grüner alter Sessel

  • Veröffentlicht am: 28 March 2017
  • AutorIn: Raphael Below

Ich habe einen Liebling unter meinen Möbelstücken. Ein Schnäppchen von Ebay-Kleinanzeigen. Ein schöner alter Sessel mit bequemer Lehne und grünem Stoffbezug. Ich kenne keinen Platz, an dem ich lieber sitze, lese oder Hörbücher höre. Auch während ich jetzt schreibe, sitze ich in diesem Sessel. Er ist eine kleine, liebenswerte Konstante in meinem Leben. Veränderlich ist allerdings der Platz, an dem er sich befindet. Seit gut einer Woche steht er in einem deutlich größeren Zimmer. Die Decken hängen hier etwas schiefer, die Boden-Dielen sind dafür frisch abgeschliffen und in unmittelbarer Nachbarschaft zu meinem grünen Sessel steht ein waschechter Kamin. Einer der ganz großen Vorzüge meiner neuen „Dienstwohnung“. Zum 1. April 2017 trete ich meine Probedienststelle an, in der Zwölf-Apostel Gemeinde Sarstedt- Land, ca. 20 Kilometer südlich von Hannover. Neben sehr vielen anderen Veränderungen bedeutet das auch, dass meine Zeit im ökumenischen Büro von Kirche² ein Ende nimmt. 15 Monate Sondervikariat sind sehr bald Teil meiner Vergangenheit. Aber was für einer.

Wenn ich meinen Kalender wälze und mir noch einmal vor Augen halte, was seit Januar 2016 alles passiert ist, bin ich geplättet. So viele Veranstaltungen, Begegnungen, Menschen, die meinen Horizont geweitet und bereichert haben. Dabei musste ich nicht bei Null starten, als mein Sondervikariat begann: Ich hatte schon ein langes Studium und ein lehrreiches Vikariat hinter mir, dazu kam ein prall gefüllter Sack voller Erfahrungen mit freikirchlichen Gemeinden, Vereinen, Großveranstaltungen und Netzwerken. Trotzdem erwartete mich bei Kirche² kübelweise Unentdecktes. Vieles davon verdankt sich der ökumenischen Breite der Bewegung: Erstmals konnte ich ein wenig römisch-katholischgeschwängerte Luft schnuppern. Ich durfte flüchtige Blick hinter die Kulissen des Bistums Hildesheim werfen, ein Quantum römischer Theologie und Frömmigkeit kennen lernen und eine Ahnung davon bekommen, wie sich Exilkirche in Norddeutschland anfühlen muss. Sehr lehrreich und sehr wertvoll! Aber auch in der protestantischen Welt gab es noch ungeahnt viel zu entdecken.

Es ist unmöglich zu Papier zu bringen, was sich in diesen 15 Monaten alles abgespielt und in mir verändert hat. Aber zumindest drei Schlaglichter will ich werfen. Auf Dinge, die für mich besonders eindrücklich waren.

1. Anglikanisches Denken

Als ich bei Kirche² anfing, wusste ich wenig über die Situation in Englands Kirche. Und auch wenn mir ein Besuch bislang verwehrt blieb, habe ich viel von dort gelesen und gelernt. Über die traurige Bewegung des Niedergangs einer Kirche und den hoffnungsvollen neuen Aufbruch inmitten des Abbruchs. Über die Vision, eine „mission-shaped church“ zu sein, die eigene Gestalt also so zu formen, wie es dem Auftrag, der Sendung, der Mission der Kirche entspricht. Über den Entschluss, dafür „fresh expressions“, Zielgruppen- und zeitgemäße Formen von Kirche, zu fördern. Und diese nicht als Konkurrenz zu traditionellen Formen zu betrachten, sondern Kirche als einen Mischwald verschiedener Formen zu verstehen.

Auch wenn unsere Situation in Deutschland (noch) eine andere ist: Diese Gedanken haben mein Denken über Kirche mächtig beeinflusst. Was ist eigentlich unserer Auftrag? Was ist Auftrag meiner Gemeinde? Und wie würde es aussehen, wenn wir alle finanziellen und personellen Ressourcen in die Verwirklichung dieses Auftrags stecken würden? Was könnten wir alles tun, was könnten wir lassen? Was müssten wir alles tun, was müssten wir lassen?

Noch immer fahren meine Gedanken Karussell, wenn ich hier einsteige. Aber es fühlt sich an, als drehe ich mich um die richtigen Fragen.

2. Das Freakstock

Eine Fülle besuchter Veranstaltungen liegt hinter mir. Ich habe bei jeder etwas mitgenommen, sei es wegen der Inhalte oder der Menschen wegen, die ich angetroffen habe. Das Freakstock 2016 ist aber eine ganz besondere Perle in meiner Sammlung, die mich nach wie vor fasziniert. Selten zuvor habe ich ChristInnen erlebt, unter denen ich mich so wohl gefühlt habe. Und nie zuvor habe ich erlebt, wie das Hören langer Predigten so selbstverständlich mit dem Konsum von Bier und Zigaretten verbunden war. Dazu die Ästhetik, die Freiwillige in mühevoller Arbeit auf einem verlassenen Militärflughafen mitten im Nirgendwo entstehen ließen. Und vor allem: Die unglaubliche Offenheit dieses liebenswerten, heterogenen Haufens von Menschen.

Die Erkenntnis, die mich seit dem Freakstock begleitet: Kirche kann ausgelassen, betrunken, wunderschön und ungesund sein, wenn Menschen sich nur trauen. Was trauen wir uns?

3. W@nder

Während meines Sondervikariats haben wir von Kirche² eine ganze Reihe von Veranstaltungen selbst organisiert und durchgeführt. Die W@nder-Konferenz (14.-15. Februar 2017) in der Eisfabrik Hannover ist mir noch besonders im Gedächtnis. Nicht nur, weil sie noch nicht so lange zurück liegt, sondern auch, weil dort viele Gedanken und Menschen auftauchten, die unser Arbeiten bei Kirche² begleitet haben. An die 120 AkteurInnen kamen dort zusammen, Wandernde und Wundernde, loyale Radikale in ihren Kirchen. Sie teilten ihre Fremdheits-Erfahrungen, ihren Frust, ihre Lust und ihr Gefühl von Fremdheit miteinander. Sie ließen sich sagen, dass ihre Fremdheit, ihr nicht-hinein-passen, ihr Leiden an Kirche eine Gabe und ein Geschenk ist. Dass Kirche sie braucht, gerade weil sie in ihr anecken. Mein Gefühl war, dass W@nder auf viel Resonanz unter denen stieß, die gekommen waren. Und so war sie auch ausgelegt. Es ging weniger darum, bestimmte Inhalte zu verinnerlichen. Sondern mehr um den Kaffee in den Pausen, bei dem sich Wandernde trafen und ihre Gedanken miteinander teilten. Das größte Geschenk waren sich die Teilnehmenden gegenseitig. Und entsprechend ließen wir viel Platz, boten viele Orte und Zeitfenster, die offen standen und gefüllt werden konnten.

Kann Kirche so sein? Ein Ort, an dem Menschen sich eher gegenseitig sehen und erkennen, anstatt angepredigt zu werden? Ich bemerke seit langem bei mir eine Predigt-Verdrossenheit. Ich habe lange keine mehr gehört, die ich gebraucht hätte. Ja, das Evangelium soll rein verkündet und die Sakramente recht verwaltet werden. Aber ich lasse mir lieber etwas von jemandem sagen, der auf keiner Kanzel steht. Der mich sieht, an mir interessiert ist und sich auch von mir was sagen lässt. In einer Gemeinschaft, in der ich nicht nur Konsument bin, sondern in der ich vorkommen darf.

 

Drei Schlaglichter auf 15 Monate Sondervikariat. Das, was mir am meisten nahe gegangen ist, woran ich am meisten gelernt habe, kann ich nicht auf eine Formel bringen. Es ist das, was hier bei Kirche² in der Luft liegt. Weil es gesetzt, gegossen und immer wieder kultiviert wurde. Das besondere Wir-Gefühl. Die Achtsamkeit und Grosszügigkeit im Büro. Die Ehrlichkeit miteinander, die mich und meine Kolleginnen Kraft und Mut gekostet, aber mich letztlich immer beschenkt und bereichert hat.

Zeit, Tschüss sagen. Du wirst mir fehlen, Kirche². Danke, dass ich 15 Monate in deiner Schalt- Zentrale, deinem Herzstück, lernen und arbeiten durfte. Gut, dass ich nicht völlig aus der Welt bin, auch wenn mein grüner Sessel nun anderswo steht. Und gut, dass du eine Bewegung derer bist, die sich zugehörig fühlen wollen. Ich will. 

Orientierung: 

Kommentare

Eine spannende gemeinsame Zeit mit hochinteressanten Erfahrungen. Möge Dein grüner Sessel immer wieder ein Ort des Nachdenkens und Reflektierens sein können und ein Plätzchen, von dem aus Du gerne aufbrichst in den Mischwald, der wächst, weil Gott ihn schon längst wachsen lässt. Ich w@ndere mich gerne weiterhin mit Dir, wo schon überall was spriesst und blüht, wo Gott am Wirken ist.

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